Laudatio für Walter Imhof

Lieber Walter Imhof

Eines vorneweg: Nicht nur dem heute Geehrten gratuliere ich ganz herzlich, sondern auch dem Verein "Zukunft Muotathal". Mit dem Entscheid, heute Walter Imhof für seine ausserordentlichen und herausragenden Leistungen im Bereich der Paläontologie und der Archäozoologie den "Muotaschtei" zu übergeben, hat der Verein einen wichtigen Markstein gesetzt. Dass der Anerkennungs- und Förderpreis an einen Archäologen und Speläologen – einen Höhlenkundler und Erforscher von alten, archäologisch überlieferten Tierrestanzen geht – ist auch für die historische Forschung im Kanton Schwyz bedeutend.

Und deshalb freue ich mich sehr, dass ich heute im Rahmen dieser zweiteiligen Laudatio für Walter Imhof einige Worte an sie richten darf. Ich mache das sehr gerne, denn es ist für mich gleichzeitig eine Ehre und eine Freude, an diesem für Walter und für die Gemeinde Muotathal schönen Ereignis teilnehmen zu dürfen.
Ich beschränke mich bei meinen Ausführungen grundsätzlich auf vier Stichworte. Sie umfassen eigentlich die ganze Situation rund um Walter und seine interessante und spannende Tätigkeit, für die er am heutigen Abend geehrt wird.

Die Stichworte sind: Entscheid, Leistung, Zusammenarbeit und Mehrwert.

Zum Entscheid.

Ich habe es bereits erwähnt. Muotathal hat einmal mehr einen klugen und weisen Entscheid gefällt. Man überreicht Walter Imhof für seine einzigartige Arbeit den "Muotaschtei". Dieser "Muotaschtei" ist mit viel Symbolgehalt aufgeladen. Er steht für Anerkennung, für Dank, für Lob, für Bewunderung, für Interesse und Bestätigung. Er steht aber auch für Ermunterung, Ansporn und Ermutigung, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen und – in unserem speziellen Fall – die Forschungen voranzutreiben und die gewonnenen Erkenntnisse zu erweitern.
Der Entscheid der Muotathaler, ihrem Mitbürger Walter Imhof den "Muotaschtei" zu überreichen, ist aber auch für weitere Kreise bedeutungsvoll. Dass die Wahl auf ein so spezielles Wissensgebiet wie die Archäologie gefallen ist, hat zweifelsohne eine positive Signalwirkung. Die Paläontologie, die Lehre von den Lebewesen vergangener Erdperioden, oder der Archäozoologie, die sich mit Überresten von Tieren aus archäologischen Grabungen beschäftigt, fristet bei uns ein eigentliches "Mauerblümchen-Dasein". Walter Imhof ist wirklich der einzige, der sich im Kanton Schwyz mit einem hohen Grad an Professionalität mit diesen Themen intensiv auseinandersetzt – und das schon seit vielen Jahren und mit sehr grossem Eifer.
Ich bin sehr froh, lieber Walter – und nun rede ich als Verantwortlicher für die Archäologie und die archäologischen Belange im Kanton Schwyz –, dass Du heute diese grosse Annerkennung bekommst. Denn es ist gleichzeitig auch ein Hinaustreten einer wichtigen Disziplin aus einem wirklichen Schattendasein. Auf dem Gebiete der Archäologie wäre im Kanton Schwyz noch einiges an Aufholbedarf. Es ist ja auch nicht so, dass unser Kantonsgebiet ein Archäologie-leerer Raum ist.
Natürlich gibt es hoch interessante archäologische Erkenntnisse aus unserem Kantonsgebiet. Einige davon sind sogar überaus spektakulär und haben recht eigentlich europäischen Rang. Ich denke dabei vor allem an die Forschungen im Schwyzer Teil des Zürichsees, rund um die Hurdener Landzunge. Die dortigen prähistorischen Fundstellen, Siedlungen, sowie die mittlerweile sechs identifizierten prähistorischen und historischen Brückenübergänge weisen eindeutig darauf hin, dass wir auch bei uns wichtige Fundlagen aufweisen können. Und überaus bedeutend sind eben auch die Erkenntnisse, welche durch Walter Imhofs Forschungen gewonnen werden konnten. Sie sind neu, bisher verborgen, vielfältig, überraschend und interessant. Sie erfüllen sämtliche Ansprüche an eine spannende Situation.
Dieser "Muotaschtei" leuchtet somit auf die gesamte Archäologie in unserem Kanton. Wir haben – und Walter hatte hier auch einen wesentlichen Anteil daran – in den letzten Jahren auch viel über Archäologie, Archäozoologie und Paläontologie im Kanton Schwyz publiziert. Zu Recht, wie ich meine. Als Präsidenten des Historischen Vereins des Kantons Schwyz habe ich immer wieder vernommen, auf welch grosses Interesse bei den über 1600 Mitgliedern und weit darüber hinaus unsere Darstellungen und Berichte gestossen sind. Der "Muotaschtei" für Walter Imhof ist darum auch eine Anerkennung und ein Bedeutungszuwachs der Archäologie in unseren Breiten. Gerade deshalb begrüsse ich den Entscheid des Vereins Zukunft Muotathal sehr und danke dafür.

Das zweite Stichwort: Leistung

Die von Walter Imhof gemachten Arbeiten, die vielen unzähligen Stunden, die vielen Schweisstropfen und Verrenkungen in Höhlen, die akribische Forschung, das Suchen, das Finden und das Auswerten sind einzigartig und beeindruckend. Das Abwarten auf Datierungsresultate, das Organisieren der Exkursionen, das Planen der Forschungskampagnen, das so genannte "Fundrising" – also das Suchen nach finanziellen Mitteln – und so weiter ergeben ein grosses Gesamtbild. Und dieses Gesamtbild steht zweifelsohne als herausragende Leistung da. Und diese Leistung wird heute anerkannt und honoriert.
Natürlich, und dessen ist sich Walter Imhof sehr wohl bewusst, ist diese Gesamtleistung immer auch im Team entstanden. Viele haben mitgeholfen, die heutigen wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Tage zu fördern. Und viele sind in erfolgreichen und weniger erfolgreichen Stunden dabei gewesen, sind treue Begleiter gewesen. Etliche dieser Helferinnen und Helfer sind heute hier und freuen sich mit Walter Imhof über den "Muotaschtei". Aber klar ist auch, dass Walter immer der Motor, der Antrieb, das Herz und die Seele war. Er ist ein Teamplayer, er ist aber auch ein Teamführer.

Eine Person, die – zusammen mit Walter – wesentlichen Anteil an den Forschungen und dem Vorantreiben der verschiedenen Untersuchungen hatte, war der im Januar 2009 leider verstorbenen Franz Auf der Maur. Franz, der als Mitarbeiter des Staatsarchivs nebenbei immer auch als Privatmann die Wüstungsforschung betrieben hat, kann als eigentlicher Initiant der Wüstungsforschung im Kanton Schwyz gesehen werden. Dass er sich mit Walter Imhof zusammen tat, war ein Glücksfall und hat sehr zur Prosperität der archäologischen und archäozoologischen Forschungen im Muotathal beigetragen. Franz würde sich über die heutige Ehrung seines Freundes und Forschungskollegen ganz sicher sehr freuen. Wir denken an ihn.

Grossartig finde ich die Leistung von Walter Imhof auch noch aus einem anderen Grund. Er hat ein wirkliches "Schwyzer-" oder sogar ein "Muotathaler-Modell" in die Tat umgesetzt. Seine Arbeit beruht auf Eigenleistung, auf Eigenverantwortung, auf Eigenkompetenz und ist wirklich von Innen heraus entstanden. Es gab nie einen Ruf nach dem Staat. Was man selber organisieren und meistern konnte, hat man auch selber gemacht. Das ist meiner Meinung nach vorbildlich. Denn genau in einem Bereich, in welchem sich der Staat bei uns nicht oder nur sehr zaghaft engagiert, ist Walter tatkräftig eingesprungen und hat aus eigenem Interesse und Antrieb für die Öffentlichkeit und die Gemeinschaft eine Leistung vollbracht. Hätte er es nicht getan, würden viele wichtige Erkenntnisse der Wüstungsforschung und der Archäozoologie in unserem Gebiet immer noch brach liegen.

Zusammenarbeit

Es ist Walter Imhof hoch anzurechnen und zeigt eben seinen hohen Grad an Professionalität, dass er von allem Anfang an als privater Forscher eine enge und sehr konstruktive Kooperation mit den staatlich verantwortlichen Stellen gesucht hat. Auch in diesem Punkt hat er vorbildlich gehandelt. Walter Imhof ist heute ein praktisch vom Staatsarchiv Schwyz und dem Amt für Kultur akkreditierter Fachmann – ohne Lohnbezug natürlich (oder leider). Er ist unser routinierte Gewährsmann für die Forschungen im Muotathal und direkter Ansprechpartner.
Wir haben diese Gemeinschaftsarbeit sogar einem Optimum zugeführt. Bekanntlich liegt ja das über Jahre hinweg gesammelte Fundgut – vor allem natürlich Tierknochen – schön säuberlich verpackt und aufbewahrt als Bestandteil der archäologischen Sammlung des Staatsarchivs in den speziell geeigneten Kellerräumen des Bundesbriefmuseums in Schwyz. Walter Imhof bewirtschaftet diese Sammlung selber und hat alles mit Hilfe von Spezialisten inventarisiert, verzeichnet, verpackt und somit archiviert. Er hat jederzeit Zugang zu seiner Sammlung und weiss, dass alles in Sicherheit und wohl aufbereitet verwahrt wird. Hier eben werden wir zwei wichtigen Ansprüchen gerecht: Erstens ist die Sammlung und sind die Fundgegenstände beim Kanton, wohin sie nach Gesetz und Vorschrift auch gehören. Und zweitens wird der akribische Sammler nicht auch noch mit der Aufbewahrung belastet und muss noch eine Dreieinhalbzimmer-Wohnung für seine Knochen mieten. Der Umstand, dass die vielen hochinteressanten Funde von Walter beim Kanton liegen, zeigt eben gerade die grosse Bedeutung der Sammlung, heisst es doch im Schweizerischen Zivilgesetzbuch (Art. 724) auch, "herrenlose Naturkörper oder Altertümer von wissenschaftlichem Wert sind Eigentum des Kantons, in dessen Gebiet sie gefunden worden sind". Und die Bezeichnung "wissenschaftlicher Wert" trifft auf die Funde von Walter und seiner Mitstreiter wirklich zu. Weil sie eben wichtig sind, gehören sie der Allgemeinheit; –  und das war Walter immer klar. Er hat diese gute und nachhaltige Lösung deshalb selber initiiert.
Zusammenarbeit findet aber auch in finanzieller Hinsicht statt. So kann das Staatsarchiv seit einigen Jahren immer wieder einen jährlichen Beitrag an die Forschungskampagnen ausrichten und somit auch die kostspieligen Datierungen mitfinanzieren. Und diese Datierungen sind es ja dann letztendlich auch, welche die ganze Sache so spannend machen.
Sehr wichtig ist die professionelle wissenschaftliche Begleitung von Walter Imhofs Arbeiten. Sie sind für den Kanton ein wichtiger Anker um die Versicherung einer qualifizierten und kontrollierten Vorgehensweise zu haben. Natürlich war das im Falle der Wüstungsforschungen und der archäozoologischen Forschungen im Muotathal nie ein Problem, weil der heutige Empfänger des "Muotaschtei" von allem Anfang an sehr bedächtig, rücksichtsvoll und behutsam seine archäologischen Suchaktionen und Grabungen vollzogen hat. Auch darum hat Walter heute gute und intensive Kontakte mit vielen Forschern und Wissenschaftlern im gesamten Alpenraum.

Mehrwert – das letzte Stichwort

Der zweite Laudator, Archäologe Jakob Obrecht, wird mir beipflichten, wenn ich die Resultate, welche im Zusammenhang mit den Forschungen von Walter Imhof herausgekommen sind, als klaren Mehrwert bezeichne: Mehrwert für die Wissenschaft, Mehrwert für die naturgeschichtliche und historische Disziplin im Kanton Schwyz. Walter Imhof hat wesentlich mitgeholfen, wirkliche und tatsächliche neue Erkenntnisse auf dem Gebiete der Archäologie und der Archäozoologie zu gewinnen. Darin besteht sein grosser Verdienst. Für das Muotathal, für unsere Region, für den Kanton Schwyz und für das ganze Gebiet vom Übergang von den Voralpen in die nördlichen Alpentäler sind seine Ergebnisse – verglichen mit dem bisherigen Wissensstand – geradezu revolutionär.
Zurzeit entsteht die sechsbändige Schwyzer Kantonsgeschichte. Sie wird vom Historischen Verein des Kantons Schwyz herausgegeben und soll den Bürgerinnen und Bürgern und allen interessierten Personen einen unterhaltsamen und spannenden Überblick von A-Z zur Schwyzer Geschichte verschaffen. Die Anfänge dieser Geschichte, die Prähistorie und die Frühzeit, werden Dank den Walters Forschungen im Muotathal sehr aktuell sein können. Dieser Teil des Buches wäre vor einigen Jahren noch anders geschrieben worden. Heute fliessen Walters Resultate ganz konkret und handfest in diese moderne Darstellung hinein. Ein eindeutiger Mehrwert also für die Schwyzer Geschichte, das kann man nicht in Abrede stellen.
Und noch dies: Ein Mehrwert stellt auch die sehr gute Öffentlichkeitsarbeit von Walter und die Medienpräsenz seiner Arbeiten dar. Wichtig ist eben nicht nur die Geschichtsforschung – in unsrem Falle vor allem die Archäologie – sondern auch die Geschichtsvermittlung. Das macht Walter meisterhaft. Immer wieder publiziert er Artikel, Zeitungsbeiträge und Texte für eine breite Öffentlichkeit und lässt somit Land und Volk an den Muotathaler Forschungen teilhaben. Das ist wichtig und sollte unbedingt so weiterverfolgt werden.

Überblickt man die ganze wissenschaftlich überaus spannende Situation rund um die Muotathaler Alpen, so ergibt sich ein beeindruckendes Gesamtbild. In der Mitte dieses Bildes steht Walter Imhof, der Herz und Seele dieser wichtigen Forschungen ist. Seine Ausdauer, seine Beharrlichkeit, sein Eifer und seine totale Hingabe an ein Wissenschaftsgebiet, das nicht gerade im Zentrum des allgemeinen Interesses steht, machen die grosse Berechtigung für die heutige Preisverleihung aus. Walter könnte ja schon seit Jahren an den Wochenenden auf dem Golfplatz stehen oder sich mit Briefmarkensammeln beschäftigen. Doch dafür kennen wir alle Walter nur zu gut. Er zieht es vor, lieber in dreckigen, feuchten Höhlen herumzukriechen, zu graben, auszumessen, zu verzeichnen, zu bewerten, auszuloten, zu suchen und schliesslich zu finden.
Darum möchte ich an dieser Stelle Walter nicht nur herzlich gratulieren, sondern ihm auch danken. Danken für seinen Einsatz, danken für seine Schaffenslust, seinen Tatendrang und für seine perfekte Arbeit im archäologischen, paläontologischen und archäozoologischen Bereich der letzten Jahre. Auf etliche Anwesende und Freunde fällt auch ein Strahl vom Glanz, der vom heute überreichten "Muotaschtei" ausgeht. Du, Walter, empfängst diese Ehrung auch für diese Leute, vor allem für Deine Begleiter und Helfer. Nicht zuletzt aber auch für Deine Familie, welche Dich immer grossartig unterstützt hat.

Lieber Walter, ich freue mich für Dich, wir freuen uns für Dich. Du hast diese Ehrung mehr als verdient. Du weisst, Du stehst erst am Anfang einer ganzen Fülle von noch zu erforschenden Begebenheiten. Mach darum weiter so – und bleib wie Du bist!

Schwyz, 9. Juni 2010
Kaspar Michel, Staatsarchivar

Herzliche Gratulation an Walter Imhof.